Kommunikation – eine Frage der Haltung

Wie du mit deinem Kind kommunizierst, hängt weniger von den richtigen Worten ab als von deiner inneren Haltung – und die spürt dein Kind genauso unmittelbar, wie du selbst die Zwischentöne anderer wahrnimmst. Statt nach Formulierungsrezepten zu suchen, lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und zu verstehen, welche Bedürfnisse hinter den auseinandergehenden Interessen stecken –…

Wir reagieren auf die Zwischentöne

Kannst du dich an eine Situation erinnern, in der jemand an der Oberfläche betrachtet freundlich mit dir geredet hat, während du in dir eine größer werdende Wut und vielleicht sogar Verzweiflung empfunden hast? 

Beispielsweise wenn jemand, der als Dienstleister eine Anfrage von dir negativ beantwortet, wird dabei fast immer „professionell“ bleiben und dich sehr wahrscheinlich nicht anschimpfen. Hinterfragst du die dir kommunizierte Sachlage oder Entscheidung, kommt vermutlich nach einigem Hin und Her eine der folgenden Aussagen:

„Ich verstehe, dass Sie sich darüber ärgern, kann es aber nicht ändern.“

ODER

„Wir können darüber jetzt noch länger diskutieren, aber das ändert nichts an der Sachlage.“

Spür mal in dich hinein, was bei jedem dieser Sätze in dir lebendig wird.

Beide Aussagen enthalten als Kernbotschaft, dass die für dich negative Antwort auf deine Anfrage unverändert bleibt. Dennoch können beide Aussagen mit einer komplett gegenteiligen Reaktion in dir einhergehen: Wenn es dir ähnlich geht wie mir, reagierst du auf die erste Aussage vielleicht mit einem langen ausatmen oder spürst, wie in dir etwas weicher und weiter wird. Bei der zweite Aussage hingegen könnte sich etwas innerlich verhärten und vielleicht eine Art Wut entstehen. Grund dafür ist, dass dir in einem Fall mit Verständnis begegnet wird. Im anderen wird dir lediglich deine Machtlosigkeit vor Augen geführt – gespickt mit einer genervten, abwertenden Sub-Botschaft (etwa: „Du bist anstrengend“).

Aber was hat das mit Elternschaft zu tun?

Auch was du deinem Kind sagst kann verschiedene Zwischentöne enthalten

Als Eltern erleben wir jeden Tag viele Situationen, in denen unsere Vorstellungen, was (jetzt) wichtig ist, von denen unserer Kinder abweichen: Ist gerade Spielen oder Anziehen dran? Nach Hause gehen oder auf dem Spielplatz bleiben? Weiter gehen oder das Tier am Wegrand erkunden? Zähne putzen und ins Bett? Erkunden, wie es ist auch mal auf dem Tisch statt nur auf dem Papier zu malen? Sicher kannst du diese Aufzählung beliebig erweitern. Und seien wir ehrlich: Es kann ziemlich anstrengend und nervig werden, in solchen Situationen immer wieder auszuhandeln, was jetzt passieren soll. Besonders, wenn du dein Kind ohne Zwang erziehen möchtest.

Das Problem dabei ist: dein Kind spürt deine Genervtheit ähnlich wie du die in der Aussage „Wir können darüber jetzt noch länger diskutieren, aber das ändert nichts an der Sachlage“ enthaltene Sub-Botschaft spürst.

Wie du deine Zwischentöne beeinflussen kannst

Zunächst vorweg: Es ist absolut menschlich, dass du auch mal genervt bist, und das darf dein Kind auch so erleben. Versuche also, dich nicht dafür zu verurteilen, wenn es dir mal so geht. Erlaube dir stattdessen, dieses Gefühl anzunehmen. Vielleicht magst du sogar deinem Kind sagen, dass dir gerade schwerfällt, eine gute Lösung für eure auseinandergehenden Interessen zu finden.

Unabhängig davon kannst du versuchen zu verstehen, was diesen Interessen zugrundeliegt. Vielleicht hast du gerade den Überblick, dass dein Kind bald Hunger haben oder müde sein wird und ihr deshalb nach Hause gehen solltet. Dein Kind ist womöglich so ins Spiel vertieft, dass es davon selbst noch nichts merkt. Dies wahrzunehmen kann dir helfen zu erkennen, dass du in die Verantwortung für dein Kind gehen darfst – und auch, dass dein Kind gerade ein für sich berechtigtes Interesse vertritt. Du würdest schließlich auch noch länger etwas tun, das dir Freude bereitet, als zu schlafen oder essen, wenn du die Notwendigkeit dafür gerade nicht erkennst, oder?

Eine innere Haltung, die auf Verbindung ausgerichtet ist, hilft mehr als jeder Formulierungsvorschlag

Gerade in angespannten Situationen wünschen wir uns oft schnelle, einfache Lösungen, wie sie Formulierungshilfen versprechen. Ein sehr bekannter Ansatz für solche Formulierungshilfen ist die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg. Diese wird dabei häufig nur als Methode angesehen, die Konflikte reduzieren hilft. Manchmal haftet ihr gar ein manipulativer Zug an, nach dem Motto: „Wenn du deine Botschaft so verpackst, wird dein Gegenüber wahrscheinlicher das tun, was du dir wünschst. Auf diese weise betrachtet, handelt es sich jedoch keinesfalls um Gewalt-FREIE Kommunikation, sondern – eher im Gegenteil – um eine recht Gewalt-VOLLE in dem Sinne, dass sie das Handeln des Gegenübers subtil aber machtvoll beeinflussen soll.

Für wahrhaft Gewalt-FREIE Kommunikation ist nämlich vor allem eines Entscheidend: eine innere Haltung, die auf Verbindung mit dem Gegenüber abzielt. Dafür werden vier Schritte empfohlen:

  1. Beobachtung und Bewertung gedanklich trennen,
  2. die mit dem Beobachteten verbundene Gefühlsreaktion bei sich selbst erkennen und
  3. das der Gefühlsreaktion zugrundeliegende Bedürfnis verstehen.
  4. Bitte formulieren, die möglichst direkt umsetzbar ist.

Diese Schritte werden oft zu Formulierungsempfehlungen verkürzt (z.B. „Wenn ich … sehe, fühle ich …, weil mir … fehlt. Deshalb bitte ich dich …“).

Eine solche Formulierung ist – besonders mit Kindern, die gerade wenig Interesse oder schlicht (noch) nicht die Fähigkeit haben, so viele Informationen zu verarbeiten – im (Eltern-)Alltag nicht unbedingt hilfreich. Dennoch können die oben benannten vier Schritte, die dieser Formulierungshilfe zugrundeliegen, hilfreich sein. Wenn du es schaffst, dir einen Moment Zeit zu nehmen, um sie gedanklich durchzugehen, kannst du durch diese Selbstreflexion die Verbindung zu deinem Kind zu stärken. Dir werden damit oft unbewusste Aspekte klarer, wodurch du deine Haltung wieder mehr auf Verständnis und Verbindung ausrichten kannst.

„Übung macht den Meister“, gibt aber keine Garantien

Es wird dir bestimmt nicht immer gelingen, in den oben beschriebenen Situationen eine auf Verbindung ausgerichtete Haltung einzunehmen. Letztlich können die voneinander abweichenden Vorstellungen und Interessen auch mit unerfüllten Bedürfnissen deinerseits einhergehen. Erlaube dir, menschlich – und damit unperfekt – zu sein. Je häufiger du versuchst, die zurgundeliegenden Interessen und Bedürfnisse von dir und von deinem Kind zu verstehen, desto leichter wird dir das – und dann oft auch eine auf Verbindung ausgerichtete innere Haltung – gelingen.

Verständnis für dich und dein Kind begünstigt eine auf Verbindung ausgerichtete Haltung.

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