Gefühle – sind wirklich alle in Ordnung?
Alle deine Gefühle sind in Ordnung – auch solche, die sich unangenehm anfühlen. Sie entstehen nicht nur durch äußere Einflüsse, sondern durch deren Zusammenspiel mit deinen Erfahrungen, Bewertungen und Bedürfnissen. Wenn du deinen Raum gibst und sie als Botschafter unerfüllter oder erfüllter Bedürfnisse verstehst, gewinnst du ein tieferes Verständnis für dich selbst und kannst bewusster handeln.
"Alle Gefühle sind in Ordnung – nur nicht alle Handlungen."
Du hast diesen Satz vermutlich auch schon einmal gehört. Vielleicht hast du ihn sogar schon zu deinem Kind gesagt – etwa als es ein anderes Kind gehauen hat, das ihm sein Spielzeug weggenommen hat.
Aber: Gelingt es dir, auch deine eigenen Gefühle anzunehmen? Etwa, wenn du genervt bist, weil dein Kind auf dem Weg zur Kita immer wieder stehen bleibt, um eine Ameise zu beobachten? Oder wenn du dich von einem Kommentar einer fremden Person verletzt fühlst?
Als Erwachsene hören wir oft, dass wir für unsere Gefühle selbst verantwortlich sind. Und das stimmt auch. Nur bedeutet dies nicht, dass wir unsere Gefühle zu jeder Zeit kontrollieren müssten. Vielmehr heißt es, dass wir unsere Gefühle nicht blindlings an anderen auslassen dürfen (nicht alle Handlungen sind in Ordnung). Doch deine Gefühle sind zunächst einfach da und haben ihre Berechtigung.
Deine Gefühle entstehen aus dem Zusammenspiel verschiedener Einflüsse
Vielleicht ist dir auch schon aufgefallen, dass du auf scheinbar gleiche Situationen unterschiedlich reagierst: Was in einem Moment zum Lachen bringt, kann dich in einem anderen wütend oder traurig machen. Denke zum Beispiel an einen Streit zwischen deinen Kindern, dessen Anlass dir albern vorkommt. Manchmal lachst du vielleicht (innerlich oder äußerlich) darüber, dass man sich über so eine Kleinigkeit streiten kann. Ein anderes Mal bist du wütend, dass schon eine solche Kleinigkeit als Anlass für einen Streit genommen wird. Oder du bist traurig, dass deine Kinder nicht einfach gemeinsam spielen ohne sich zu streiten.
Dich machen also nicht bestimmte Situationen fröhlich, wütend oder traurig. Gefühle sind keine unmittelbare Reaktion auf einen äußeren Reiz. Vielmehr beeinflussen deine persönlichen Erfahrungen, Annahmen und Deutungen deine Gefühlsreaktion. Und natürlich auch die aktuelle Situation, deine Wünsche, Ziele und Bedürfnisse. Auf dem Weg zu einem Termin empfindest du die vielen kleinen Entdeckungen deines Kindes vielleicht als nervig, während du in anderen Momenten freudig mit staunst.
Du beeinflusst deine Gefühlsreaktionen unbewusst selbst
Wie du gesehen hast, entstehen deine Gefühle nicht unmittelbar aus den Handlungen Anderer, sondern durch dein – oft unbewusstes – Zutun. Wenn du die Ursache deiner Gefühle lediglich im Außen zu suchst, gibst du die Verantwortung für deine Gefühle ab – und somit auch deine eigenen Möglichkeiten, die Gefühle wirklich zu verstehen. Statt also jemanden als eine Art „böser Anderer“ für deine Gefühle verantwortlich zu machen, darfst du deine Gefühle als Einladung verstehen, neugierig in dich hineinzuhorchen, was deine Gefühle dir mitteilen können.
"Deine Gefühle sind Botschafter deiner Bedürfnisse."
Jedes Gefühl gibt dir Auskunft über erfüllte oder unerfüllte Bedürfnisse. Gefühle, die oft als „gut“ oder „positiv“ bewertet werden (z.B. Freude), weisen auf erfüllte Bedürfnisse hin. Das könnte dein Bedürfnis nach Verbindung sein, wenn du mit deinem Kind gemeinsam die Wunder des Alltags entdecken kannst. Du empfindest solche Gefühle wahrscheinlich als angenehm und strebst danach, sie möglichst häufig zu erleben.
Dagegen versuchst du wahrscheinlich solche Gefühle zu vermeiden, die du als unangenehm erlebst und die entsprechend oft als „schlecht“ oder „negativ“ bewertet werden (z.B. Trauer, Wut). Diese sind jedoch wertvolle Hinweisgeber darauf, das gerade ein Bedürfnis – oder sogar mehrere – nicht erfüllt oder zumindest deren Erfüllung bedroht ist. Wenn deine Kinder über eine Kleinigkeit streiten, ist vielleicht dein Bedürfnis nach Harmonie oder Ruhe beeinträchtigt.
Unangenehme Gefühle brauchen ihren Raum
Als unangenehm empfundene Gefühle verdienen also deine Aufmerksamkeit. Indem du sie wegdrückst oder anderweitig versuchst loszuwerden, kommst du der Erfüllung deiner Bedürfnisse nicht näher. Womöglich steigert sich der Mangel sogar noch.
Erlaube dir stattdessen, deine Gefühle ernst zu nehmen und ihnen einen Raum und eine Zeit zu geben, in denen sie einfach sein dürfen. Damit ermöglichst du dir zu verstehen, was du gerade brauchst. Nicht immer ist das in der Situation möglich, in der ein Gefühl entsteht. Manchmal würde eine Auseinandersetzung mit einem bestimmten Gefühl mit anderen, bisher erfüllten Bedürfnissen oder Verantwortungen im Konflikt stehen – etwa, auf besagtem Weg zur Kita oder wenn deine Kinder im Streit anfangen, sich gegenseitig zu verletzen.
Erlaube dir dennoch, dein Gefühl einmal bewusst wahrzunehmen. Versuche, das Gefühl und wie du es empfindest kurz für dich zu benennen und gib dir selbst das Versprechen, bei Bedarf zum nächstmöglichen Zeitpunkt noch einmal genauer hinzuspüren. Dieser nächstmögliche Zeitpunkt lässt sich fast immer am selben Tag finden.
